1924


Berlin

Berlin-Steglitz, Grunewaldstraße 13

Berlin-Zehlendorf, Heidestraße 25/26 [heute Busseallee 7-9]
 

 

Anfang Jänner: Franz Kafka lebt mit Dora Diamant in Berlin-Steglitz, Grunewaldstraße.

Der Inflationswinter ist bitter kalt, wenn der Spiritus ausgeht, wärmen die beiden ihr Essen auf Kerzenstümpfen. Kafkas Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends, er liegt meist mit Fieber im Bett.

Ende Jänner: Max Brod kommt zu Besuch. Kafka liest ihm aus »Der Bau« vor.

1. Februar: Kafka und Dora Diamant ziehen nach Berlin-Zehlendorf, Heidestraße, um. Kafka ist zu geschwächt um mitzuhelfen. Er muss mit dem Auto zur neuen Wohnung gebracht werden.

Anfang Februar besucht der Rezitator Ludwig Hardt, der in sein Programm auch Texte Kafkas aufgenommen hat, den Kranken.

Mitte Februar schickt Kafkas Familie seinen Onkel Siegfried Löwy nach Berlin, um nachzusehen, wie es dem Kranken wirklich geht. Löwy besteht darauf, dass Kafka in ein Sanatorium eingewiesen werden müsse.

Anfang März verschlimmert sich Kafkas Krankheit so erheblich, dass Dora Dr. Nelken, einen ihr bekannten Arzt aus dem jüdischen Krankenhaus in Berlin, kommen lässt.

Erschrocken über Kafkas Zustand kann er nur symptomlindernde Mittel verschreiben.

Kafka schenkt ihm als Honorar ein Buch über Rembrandt.


Prag

Altstädterring 6

Am 17. März reist Kafka in Begleitung Max Brods nach Prag zurück. Dora Diamant ist in Berlin geblieben. Kafka wohnt wieder bei seinen Eltern im Oppelthaus am Altstädter Ring. Während er, tief bedrückt über die Wohnsituation, überlegt, in welches Sanatorium er gehen soll, schreibt er an seiner letzten Erzählung »Josefine die Sängerin oder Das Volk der Mäuse«.

Um den 20. März stellen sich bei Kafka erste Schluckbeschwerden ein. Der Verdacht der Kehlkopftuberkulose wird laut.


Ortmann / Pernitz (Niederösterreich)

Sanatorium Wienerwald
Feichtenbach 39
[Gelände und Gebäude nicht mehr betretbar]

Anfang April trifft Kafka im Sanatorium Wienerwald ein, das auf Lungenkrankheiten spezialisiert ist und einen sehr guten Ruf hat.

Dora Diamant reist wenig später aus Berlin an und bezieht ein Zimmer in einem benachbarten Bauernhof. Auf einer Postkarte an Max Brod notiert sie: »Zustand sehr, sehr ernst«.

Die Untersuchungen bestätigen den Verdacht auf Kehlkopftuberkulose, die Ärzte empfehlen eine rasche Überstellung nach Wien.


Wien

Laryngologischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus, Lazarettgasse (Station B, 1. Stock, westöstlicher Trakt)
[Gebäude existiert nicht mehr]

Am 10. April wird Kafka bei Regen und Sturm im offenen Wagen in vierstündiger Fahrt nach Wien transportiert. Dora stellt sich während der ganzen Fahrt schützend vor ihn.

In der Laryngologischen Klinik des Dr. Markus Hajek im Allgemeinen Krankenhaus kommt Kafka in ein Mehrbettzimmer. Für einen operativen Eingriff ist sein Allgemeinzustand zu schwach – er wiegt in Kleidern nun weniger als 50kg.

Mitte April erhält Kafka Besuch von seinem Schwager Karl Hermann und von Felix Weltsch. Franz Werfel schickt Rosen und seinen neuen Verdi-Roman. Zum angekündigten Besuch kommt es nicht.

Im Mehrbettzimmer sterben immer wieder Patienten, schließlich auch der Waldviertler Schuhmachermeister Josef Schrammel, der wie Kafka an Kehlkopftuberkulose litt. Entsetzt über diesen Todesfall besteht Kafka, gegen den dringenden Rat der Ärzte, darauf, die Klinik zu verlassen.


Kierling / Klosterneuburg (Niederösterreich)

Sanatorium Hoffmann 
Hauptstraße 71 [heute 187]

Am 19. April erhält Kafka ein Zimmer mit Balkon und Gartenblick im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg. Dora bezieht ein Gästezimmer und darf für ihn kochen.

Kafka, der eine Schweigekur verordnet bekommt, verständigt sich nun hauptsächlich über kleine Zettel, die sogenannten Gesprächsblätter.

In der Morgenausgabe der ›Prager Presse‹ erscheint »Zerstreutes Hinausschauen«.

Am 20. April macht Kafka seine letzte Ausfahrt. Am selben Tag erscheinen zwei Erzählungen:»Eine kleine Frau« im ›Prager Tagblatt‹ und »Josefine die Sängerin oder Das Volk der Mäuse« in der Osterbeilage der ›Prager Presse‹.

Kafka hält etwa um diese Zeit um Dora Diamants Hand an und schreibt, nachdem sie freudig eingewilligt hat, sofort einen Brief an ihren Vater. (Im Mai wird die ablehnende Antwort eintreffen, die Kafka, schweren Herzens, akzeptiert. Er wird seine Lebensgefährtin nicht heiraten).

An Kafkas Behandlung beteiligen sich neben den Sanatoriumsärzten auch Prof. Hajek und mehrere andere, allesamt aus Wien anreisende Spezialisten, darunter Dr. Glas, ein anthroposophischer Arzt, der Kafkas besonderes Vertrauen gewinnt.

Kafkas Lebenserwartung betrage, so die Dora Diamant eröffnete Diagnose, noch höchstens drei Monate.

Um den 6. Mai kommt Robert Klopstock, ein ungarischer Medizinstudent, den Kafka 1921 bei einem Sanatoriumsaufenthalt in der Hohen Tatra kennen gelernt hatte, nach Kierling, um sich an der Pflege zu beteiligen und Dora Diamant zu entlasten.

Ottla, Kafkas jüngste Schwester kommt zu einem letzten Besuch, ebenso, wenige Tage später, sein Schwager Karl Hermann und der Onkel Siegfried Löwy.

Mitte Mai kommt Max Brod nach Kierling. Es ist das letzte Mal, dass die Freunde einander sehen.

Am 20. Mai schreibt Kafka in seiner letzten Postkarte an Max Brod: »Danke für alles!«.

Am 2. Juni bittet Kafka seine Eltern in seinem letzten Brief, ihn nicht zu besuchen. Dora Diamant schreibt den Brief fertig, als er zu erschöpft dazu ist.

Am selben Tag arbeitet er noch an den Korrekturen des Novellenbandes Ein Hungerkünstler.

Am 3. Juni stirbt Kafka gegen Mittag.
 
Der Leichnam wird nach Prag überführt, Dora Diamant und Robert Klopstock reisen im selben Zug.

In verschiedenen Zeitungen erscheinen Nachrufe der Freunde Brod, Weltsch, Baum und von Anton Kuh und Edwin Rollet. Dabei werden auch die Prosastücke »Der plötzliche Spaziergang«, »Entschlüsse«, »Das Unglück des Junggesellen«, »Vor dem Gesetz« und »Die Sorge des Hausvaters« veröffentlicht.

Am 11. Juni erfolgt die Beisetzung auf dem neuen jüdischen Friedhof in Prag.

Am 19. Juni findet im Auditorium der ›Prager Bühne‹ eine von Max Brod organisierte Trauerfeier statt.

Am 17. Juli veröffentlicht Max Brod Kafkas Nachlassverfügungen in der ›Weltbühne‹

Ende August erscheint das letzte noch von Kafka selbst vorbereitete Buch Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten im Verlag ›Die Schmiede‹ in Berlin.